Eine kurze Geschichte der Schliessung der MuPAD
Forschungsgruppe an der Universität Paderborn

Die MuPAD-Forschungsgruppe war Teil des AutoMATH-Instituts, einer Gründung der Universität Paderborn und des Wissenschaftsministeriums NRW. Nach einem raschen Erfolg bei der Entwicklung eines Computeralgebra Systems (CAS) wurde auf Drängen des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung (Ministerin Anke Brunn) die Firma SciFace als kommerzieller Arm des Projekts gegründet.

Das Land wollte damit sichere Arbeitsplätze in einem zukunftsträchtigen IT-Bereich schaffen und einen dauerhaften Erhalt des erworbenen Know-hows sichern. Es versprach dafür Technologie-Förderung. Das unternehmerische Risiko sollte bei den Gesellschaftern der zu gründenden Firma liegen. Nach Zögern stimmte ich zu, obwohl mein eigentliches Interesse darin bestand, neben den amerikanischen marktbeherrschenden Systemen ein System europäischer Identität zu schaffen (welches Schulen und Universitäten kostenlos zur Verfügung stehen sollte). Diese Absichten hatte ich in einer Veröffentlichung niedergelegt.

Ausserdem wollte ich etwas schaffen, was ich neben meinen mathematischen Veröffentlichungen am Ende meiner Dienstzeit der Universität Paderborn hinterlassen konnte. Um nun, unter geänderten Verhältnissen dieses Ziel doch noch zu erreichen, war ich bereit, einen beträchtlichen Teil meines Familienvermögens zur Weiterführung der Entwicklung einzusetzen (Details).

Die Gründung zahlte sich insofern aus, als Förderungen von Land und Bund für technische Entwicklungen eingeworben werden konnten. In den dann folgenden Jahren wurde das MuPAD Projekt von allen zuständigen Ministern gefeiert (Wissenschaftsministerin Brunn , Wissenschaftsministerin Behler, Wissenschaftsministerin Kraft). MuPAD wurde herausgestellt als exemplarisches Beispiel der Technologieförderung in NRW.

Die Schulministerin Schäfer lobte die Projekte für den Schulbereich.

Ende 2003 wurde mir klar, dass meine Universität die praxisnahe Computeralgebra-Forschung nicht fortführen werde und das AutoMATH Institut sofort nach meiner Emeritierung schließen würde. Natürlich war ich enttäuscht, aber um keinen Zweifel zu lassen: diese Entscheidung war das Recht meiner Universität! Auch in der Zeit davor gab es den Versuch, dieses Institut zu schließen. Ich bot dafür sogar meine Hilfe für eine geregelte Abwicklung an, außerdem den Rückzug meiner Person von der zentralen Verantwortung.

Ein CAS kann nur in engem Kontakt zur Wissenschaftsgemeinde entwickelt werden. Deshalb begann ich im Sommer 2004 den geregelten Transfer zu einer anderen Institution oder Universität zu planen, ich wusste von genügendem Interesse.

Ich wollte zuerst mit Deutschen und dann mit Europäischen Institutionen starten. Natürlich hatte ich ein besonderes Interesse an Institutionen in NRW, unter anderem weil ich den Standort Paderborn erhalten wollte. Deshalb musste NRW das Recht des ersten Zugriffs erhalten.

Ich schrieb der Ministerin am 20. August 2004 und fügte diesem Schreiben den Text der geplanten Ausschreibung bei. Dieses Schreiben wurde auf dem Dienstweg an meine damalige Dienstvorgesetzte, die Ministerin Kraft, geschickt. Dies war der vorgeschriebene Dienstweg.

Um eine lange Geschichte kurz zu machen, dieses Schreiben hat die Empfängerin nicht erreicht. Auch nach einem Jahr wusste ich nicht, ob es die Empfängerin erreicht hatte, eine Antwort erhielt ich niemals.

Folgendes war geschehen: Zuerst fragte meine Universität freundlich, ob ich zu einigen Änderungen in meinem Brief bereit sei. Obwohl dies eine recht ungewöhnliche Bitte war, stimmte ich für den Fall zu, dass die Änderungsvorschläge vernünftig seien. Als sich herausstellte, dass die vorgeschlagenen Änderungen mich zu falschen Feststellungen genötigt hätten, legte ich dies dem Rektor im Einzelnen dar und bat ihn das Schreiben nun weiterzuleiten.

Dann am 23. Dezember, also vier Monate später, eröffnete mir der Rektor, dass er das Schreiben abgefangen habe, und auch nicht bereit sei, es jetzt oder in Zukunft weiterzuleiten, dies obwohl es sich um Schreiben an meine damalige direkte Dienstvorgesetzte handelte. Er betonte, dass dieses Vorgehen in enger Abstimmung mit meinem Fachbereich erfolgt sei. Nun war ich zum Schweigen verurteilt, zumindest was den Kontakt zum Land NRW anging. Die darauf folgende direkte Sendung des Schreibens an Frau Ministerin Kraft wurde, wegen Nichteinhaltung des Dienstweges, nicht beantwortet.

Mein eingeschalteter Anwalt legte dar, dass die Maßnahmen der Hochschule gegen einschlägige Paragraphen des Strafgesetzbuches verstießen (§246 und §274.1 StGB). Anstatt aber nach dem Staatsanwalt zu rufen, versuchten wir, in direktem Zugang zu meiner Dienstvorgesetzten, den Konflikt innerhalb der gegebenen Strukturen zu lösen. Mein Anwalt bat um disziplinarische Maßnahmen. Wir erläuterten unsere Position mehrfach . Nach Monaten kam dann die enttäuschende Reaktion der Ministerin. Mir wurde leider untersagt, das Antwortschreiben zu veröffentlichen. Wenn ich das Schreiben hier veröffentlichen dürfte, dann sähe man, wie wenig stichhaltig die Argumente waren.

Die Antwort der Ministerin mag allerdings durch falsche Informationen verursacht gewesen sein, was wir darlegten. Monate später, am 16. August 2005, also ein Jahr nach meinem Schreiben an die Ministerin, kam dann eine 11-zeilige Antwort des Ministeriums (auch dieses Schreiben darf ich nicht veröffentlichen, angeblich wegen eines personenbezogenen Inhalts - in Wirklichkeit hatte es gar keinen Inhalt). Die Landesregierung hatte inzwischen gewechselt, der Wissenschaftsminister gehörte nun der Partei an, welcher die Angelegenheit im Wahlkampf noch eine parlamentarische Anfrage wert war.

In der Antwort zur parlamentarischen Anfrage wurde dargelegt, dass ja noch eine Diskussion mit mir im Gange sei, eine Behauptung wie sie nicht falscher sein konnte:
das letzte Gespräch mit einem Vertreter meiner Hochschule fand an jenem 23.12.2004 statt.


Ein Gespräch mit einem Vertreter des Ministeriums über das ehemalige Vorzeigeprojekt fand nach diesem 23.12.2004 niemals statt.

Das Verhalten der Hochschule, charaktersisierte ein MuPAD-Nutzer gegenüber Rektor und Kanzler folgendermaßen: Dies mag sehr drastisch sein, aber ich kann mich des Bildes eines Kindes mit dem Ausspruch "bevor jemand anderes das Spielzeug bekommt, mache ich es lieber kaputt" leider nicht erwehren. Selbst an der Universität Paderborn gab es vorsichtige Kritik.

Schon die verbreiteten Gerüchte, die zu meiner Hochschule zurück zu verfolgen waren, dass die Entwicklung von MuPAD eingestellt würde, hatte verheerende Auswirkungen auf SciFace. Die Insolvenz der Firma, die bisher zur Förderung der Wissenschaft 93 Prozent ihrer Lizenzen kostenlos abgegeben hatte, und die als Musterbeispiel für die Verpflichtung ihrer Gesellschafter zum Grundsatz "Eigentum verpflichtet" hätte werden können, stand bevor. Die Wirkung aller Subventionen und Förderungen war dahin.

Unter Verzicht auf die Eigenständigkeit von SciFace sowie unter Verzicht auf die Weitergabe kostenfreier MuPAD-Lizenzen, konnte die Insolvenz, allerdings nach einer Periode des Bangens, abgewendet werden. Die Arbeitsplätze konnten erhalten werden. Ob allerdings eine Wahrung des Standorts möglich sein wird, ist wieder ungewiss.

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Die obige Schilderung ist eine stark gekürzte Version des englischen Originals von 2005. Dieses wurde deshalb im Internet auf Englisch veröffentlicht, um unseren zahlreichen Nutzern im Ausland das unglaubliche Geschehen verständlich zu machen. Die mir darauf hin zugegangenen Reaktionen waren dementsprechend. Die englische Dokumentation enthält weitere Details. Wer sich dafür interessiert, lese bitte das Original.